Der Tod des Blauen Baumes


Als ich wieder einmal im Land der Träume spazieren ging, traf ich an einer geheimnisvollen Quelle auf einen Baum.

Das besondere an diesem Baum war sein Aussehen – er war blau.

Der Tod des blauen Baumes

Der Stamm hatte eine tiefblaue bis in das Schwarz übergehende Farbe, seine Blätter waren von einem leuchtenden, kraftvollen Blau und seine Früchte waren türkis.

Vor mich hinmurmelnd fragte ich mich erstaunt, ob es so etwas überhaupt geben könnte.

„Wieso ist dieser Baum blau? Das kann doch nicht sein?“

„Warum nicht?“ hörte ich eine Stimme fragen.
Erschrocken starrte ich den Baum an, denn genau aus dieser Richtung waren die Worte gekommen und, tatsächlich, der Baum konnte sprechen.

„Wieso kannst du denn reden?“ fragte ich verwirrt.
„Wieso kannst du mich denn hören – könnte ich dich genauso fragen?“ erwiderte der Baum, „aber das ist eigentlich leicht zu erklären:

Meine Nahrung ist die Phantasie der Träumer. Mein Aussehen habe ich von der Freiheitsliebe der Maler und durch die Gedanken der Dichter verfüge ich über die Sprache. Grundsätzlich jedoch verdanke ich der Phantasie der Menschen meine Existenz.“

„Du bist aber blau, Bäume und Pflanzen müssen aber doch grün sein?“ fragte ich verwundert.
„Wer sagt das?“ fragte er.
„Nun unsere Wissenschaftler erklären das mit den Grenzen der Naturgesetze“, erwiderte ich, „innerhalb dieser Grenzen existiert alles nach einer festen Ordnung und nach den Naturgesetzen.“

„Ich existiere aber außerhalb eurer Naturgesetze“ antwortete der blaue Baum. „Es gibt viele Dinge, die außerhalb eurer Naturgesetze existieren. Genauso wie ein Mensch braun, weiß, schwarz oder gelb sein kann, so kann ich blau sein! Gerade meine blaue Farbe zeigt die grenzenlose Freiheit der Gedanken und die Unendlichkeit der Phantasie. Kann denn Blau nicht neben Grün existieren, ohne gleich braun werden zu müssen?“

So sprach der Baum und sein Aussehen war wunderschön.

Tag für Tag besuchte ich nun den blauen Baum auf meinen Wanderungen im Traumland und erfuhr von ihm eine Menge wundersamer Dinge. Auch aß ich von seiner türkisfarbenen Frucht, die mal süß, mal herb, aber immer geheimnisvoll schmeckte.

Der blaue Baum lehrte mich viel über die Nutzlosigkeit menschlicher Gedankensperren: Vorurteile, Arroganz, Diskriminierung und wie sie alle heißen.

„Es gibt wohl notwendige Grenzen zum Schutz des Lebens“, pflegte er zu sagen, „aber alle diese wirst du immer an ihrer blauen Farbe erkennen können. Denke an das Blau des Himmels und denke an die Grenzen der Menschen. Jede Grenze aber mit einer anderen Farbe ist nutzlos und schädlich.“

So verbrachte ich viele Traum-Zyklen mit meinem neuen Freund, dem blauen Baum.

Als ich ihn wieder einmal besuchte, erschrak ich sehr, denn er hatte eine ungesunde Farbe bekommen.

„Was ist los mit dir mein Freund?“ fragte ich besorgt.

„Ich beginne zu sterben“, antwortete er traurig.

„Wie kann das denn sein, du sagtest doch, du seiest noch sehr jung?“

„Das stimmt“ antwortete er, „und unsereins kann Tausende von Jahren alt werden. Aber wir können nur existieren, so lange es die Freiheit der Gedanken und die Phantasie gibt. Stirbt die Freiheit dann stirbt die Phantasie, stirbt die Phantasie, so sterben auch wir.“

„Aber wieso stirbt denn die Phantasie und die Freiheit der Gedanken?“ fragte ich besorgt.

„Schau dich doch um“ sagte er. „Überall auf der Welt werden die Menschen angehalten, konform zu denken. Andersdenkende werden gnadenlos verfolgt und ausgerottet.

Die Phantasie wird von dem Opium des Spass-Haben-Wollens ausradiert. Das Nachdenken ist bei den meisten verkümmert und nur noch die Gedanken des Konsums beherrschen den menschlichen Geist.

Der Mensch ist nur noch ein Konsument des Lebens, nicht mehr der Schöpfer seiner Inhalte. Die blauen Bäume lebten einst von der Phantasie der Menschen. Ich bin der letzte meiner Art und muss nun sterben.

Aber du hast ja von meiner Frucht gegessen – somit trägst du auch den Samen eines blauen Baumes in dir. Die Samen der Freiheit und der Phantasie hattest du ja schon immer in dir. Vielleicht gelingt es dir einmal wieder Menschen zu finden, die noch einen Funken Phantasie haben und die die Gedanken an die Freiheit lieben.

Dann, und nur dann wirst du einen neuen blauen Baum pflanzen können – doch bedenke: zurzeit bist du der Letzte des alten Volkes.“

Als ich den blauen Baum das nächste Mal wieder besuchen wollte, konnte ich ihn nicht mehr finden. Nur schwer schaffe ich noch auf meinen Traumreisen das Land der Träume zu besuchen. Die Traumwelten verblassen immer mehr und mir wird klar:

Der Tod des blauen Baumes ist der Tod des Lebens.

© Gerd Schmitt 2018