Der letzte Gang


Menschen um mich herum, ich betrachte ihre Gesichter –

gehetzt, in Gedanken versunken.

Sie leben in einem Gemeinwesen – sind ein Teil von ihm;
ein Kollektiv von Individuen, doch ein jeder egozentrisch,
gehen sie aneinander vorbei, ohne Notiz.

Auch ich war Teil davon,
ein Rädchen im Räderwerk, nach Regeln sich drehend.
Doch nun bin ich ausgestoßen – zu alt –
ohne Anerkennung und Arbeit; auf der Straße, einsam.

Soll ich einen von diesen um Hilfe bitten?
Ich betrachte ihre Gesichter – leer, ohne Interesse an der Umwelt –
Rädchen im Räderwerk, nach Regeln sich drehend,
Egozentrisch, doch ohne Individualität.

Sie haben kein Interesse an mir, beachten mich nicht.
Sie leben in einem Kollektiv ohne Gesicht, einer Gemeinschaft ohne Namen.
Auch ich war ein Teil davon und doch fühlte ich mich geborgen.
Nun bin ich einsam, die Kälte der Bedeutungslosigkeit lässt mich erschauern,
das Eis des Nichtbeachtetseins schnürt mich ein.

„Helft mir doch, nehmt mich wieder auf!
Behandelt mich als Mensch unter Menschen!“

– Nein, meinen stummen Schrei hören sie nicht,
mein flehentlicher Blick – nicht beachtenswert.

Ich werde wohl den letzten Gang antreten – Ja!
Ich kehre zum Erdboden zurück und werde zu Staub.
Asche zu Asche, Staub zu Staub.
Zu Staub in den Pflanzen, zu Staub in der Luft – zu Staub auf ihnen selbst.

Sie werden mich trinken, essen und einatmen.
So werde ich wieder ein Teil von ihnen – ob sie es wollen, oder nicht.
Einer von ihnen, ein Rädchen im Räderwerk, nach Regeln sich drehend.

Ich werde Bedeutung atmen und Beachtung trinken
- ein schöner Gedanke -
wenn vorher nicht das Sterben wäre.


© Gerd Schmitt 2018